Cybersicherheit Zuhause: Privathaushalte als unterschätzte Angriffsfläche

Smartphones, Smarthome-Systeme, Cloud-Dienste und vernetzte Haushaltsgeräte sind längst fester Bestandteil des Alltags. Doch während Unternehmen und Behörden auf etablierte Standards, definierte Prozesse und vorhandene Expertise setzen können, bleibt IT-Sicherheit im privaten Umfeld meistens ungeregelt: Unzureichendes Knowhow, geteilte Passwörter und eine unsichere Konfiguration der gemeinsam genutzten Geräte erhöhen in vielen Familien und Wohngemeinschaften das digitale Risiko erheblich. Certitude Consulting führte im Auftrag des deutschen Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) eine diesbezügliche Studie durch, die zeigt: Neben Angreifern aus dem Internet spielen in Privathaushalten insbesondere interne Machtverhältnisse und digitale Gewalt eine wesentliche Rolle. Bisherige Sicherheitsmaßnahmen scheitern oft an fehlender Alltagstauglichkeit.

Die Untersuchung „IT-Sicherheitsmanagement in Haushalten: Risiken, Problemstellungen, Lösungsansätze (ISiH)” entwickelt einen strukturierten Ansatz, um etablierte Prinzipien des Informationssicherheitsmanagements auf Mehrpersonenhaushalte zu übertragen. Ein zentrales Ergebnis: Digitale Sicherheit im privaten Raum ist ein sozio-technisches Zusammenspiel aus Technik, Organisation und menschlichem Verhalten – und genau an dieser Schnittstelle entstehen häufig Sicherheitslücken.

Strukturelle Risiken im digitalen Alltag

Mit der zunehmenden Vernetzung durch Smartphones, Cloud-Dienste, Online-Accounts und Smarthome-Technologien steigt auch die potenzielle Angriffsfläche. Anders als in Organisationen werden Schutzmaßnahmen im privaten Umfeld, wenn überhaupt, nur reaktiv, situativ oder intuitiv umgesetzt.

Die Studie identifiziert mehrere Risikofaktoren, die in vielen Haushalten häufig parallel auftreten:

  • gemeinsam genutzte Geräte ohne Benutzertrennung
  • geteilte Passwörter für personenbezogene Accounts
  • unzureichendes Berechtigungsmanagement
  • Digital Gender Gap mit stark unterschiedlichen technischen Kompetenzen
  • organisatorische Lücken und diffuse Verantwortlichkeiten

Besonders kritisch wird es, wenn eine einzelne Person zentrale digitale Infrastrukturen wie Router, Familien-Clouds oder Smarthome-Anwendungen kontrolliert. Dies erhöht die Abhängigkeit von dieser Person und schafft auch interne Konflikt- und Missbrauchspotenziale hinsichtlich digitaler Gewalt sowie Überwachung. Oft passiert der Missbrauch nach einer Trennung oder einem Konflikt in der Beziehung.

Diese Abhängigkeiten werden geschaffen, wenn die freundschaftliche oder familiäre Beziehung noch intakt ist. Als Vertrauens- oder Liebesbeweis oder aus Komfortgründen werden Zugangsdaten geteilt und Geräte gemeinsam genutzt. Im Konfliktfall ist dieser umfassende Zugang und die möglichen Auswirkungen den Opfern gar nicht mehr bewusst. Der Digital Gender Gap ist ein Ausdruck struktureller Ungleichheit. Durch konventionelle Aufgabenverteilungen fehlt Frauen häufig die Zeit, sich mit IT und digitalen Sicherheitsaspekten im häuslichen Umfeld zu befassen.

52 Maßnahmen für mehr digitale Resilienz

Die Studie verfolgte auch das Ziel, ein praxisnahes Konzept zu entwickeln, mit dem sich IT-Sicherheit für Mehrpersonenhaushalte systematisch analysieren und realistisch gestalten lässt. Statt neue Technologien zu entwerfen, prüfte Certitude bewährte technische und organisatorische Maßnahmen aus dem Business-Kontext auf ihre Übertragbarkeit und Anwendbarkeit im Alltag.

Als Grundlage identifizierte das Team 52 konkrete Sicherheitsmaßnahmen in zentralen Handlungsfeldern wie Accountsicherheit und Authentisierung, Benutzergeräte, Heimnetzwerke, Datensicherheit sowie IoT- und Smarthome-Umgebungen. Bewertet wurden unter anderem Nutzen, Aufwand sowie die praktische Umsetzbarkeit anhand eines modellhaften Beispielhaushalts mit unterschiedlichen Altersgruppen, Kompetenzniveaus und Nutzungsszenarien.

Darauf aufbauend wurde ein eigenständiges Risikoanalysekonzept für Privathaushalte entwickelt. Anders als klassische Modelle, die von Geschäftsprozessen ausgehen, orientiert sich der geschaffene Ansatz direkt an den Informationswerten eines Haushalts und ermöglicht eine systematische Identifikation und Priorisierung wirksamer Schutzmaßnahmen unter Berücksichtigung individueller Rahmenbedingungen.

„Viele bewährte Sicherheitsmaßnahmen lassen sich grundsätzlich auf Privathaushalte übertragen“, erklärt Werner Riegler, Security Experte bei Certitude, der die Studie wesentlich mitgestaltet hat. „Ihre Wirksamkeit hängt jedoch entscheidend davon ab, ob sie verständlich, zugänglich und ohne vertiefte Fachkenntnisse nutzbar sind. Genau deshalb wird ‚Usable Security‘ – also Sicherheit, die akzeptiert und angewendet wird – zum Schlüsselfaktor.“

Sicherheit ist eine gemeinsame Aufgabe

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass nachhaltige IT-Sicherheit nur dann erreicht werden kann, wenn Verantwortung und Handlungsspielräume klar verteilt sind. Haushalte können durch Routinen und bewusste Verhaltensänderungen einen wichtigen Beitrag leisten, dürfen mit dieser Aufgabe jedoch nicht allein gelassen werden.

Die Handlungsempfehlungen adressieren daher drei Ebenen gleichzeitig:

  • Individuelle Ebene: Haushalte sollten Verantwortlichkeiten transparent festlegen, administrative Rechte bewusst vergeben, einen Passwortmanager und unterschiedliche Passwörter für jeden Dienst einsetzen, persönliche und gemeinschaftliche Nutzung konsequent trennen sowie digitale Kompetenzen aller Mitglieder systematisch fördern. Eine gelebte Sicherheitskultur kann dazu beitragen, Schutzmaßnahmen als selbstverständlichen Bestandteil des Alltags zu etablieren und digitale Selbstbestimmung zu stärken. Zudem soll auf das Teilen von Passwörtern verzichtet werden – das ist kein geeigneter Liebesbeweis!
  • Technische Ebene: Hersteller tragen maßgeblich zur praktischen Umsetzbarkeit von IT-Sicherheit bei. Digitale Produkte sollten konsequent nach den Prinzipien Security by Design, Security by Default und Usable Security entwickelt werden – mit sicheren Voreinstellungen, automatischen Updates, moderner Verschlüsselung, klarer Rechteverwaltung, der Protokollierung und Benachrichtigung bei Zugriffsversuchen oder Änderungen, sowie intuitiven und barrierefreien Benutzeroberflächen. Sicherheit muss integraler Bestandteil der Architektur sein und darf nicht von der Eigeninitiative der Nutzer:innen abhängen.
  • Regulatorische Ebene: Zur langfristigen Stärkung der IT-Sicherheit sind verbindliche Mindeststandards für digitale Produkte ebenso erforderlich wie transparente Kennzeichnungen, die Verbraucher:innen Orientierung geben. Ergänzend braucht es den Ausbau digitaler Bildung, um IT-Sicherheitskompetenz frühzeitig und breit in der Gesellschaft zu verankern.

„Die Studie zeigt klar: Nachhaltige IT-Sicherheit funktioniert nur als gemeinsames Zusammenspiel“, resümiert Marc Nimmerrichter, Managing Partner von Certitude, der ebenfalls an der Studie beteiligt war. „Denn nur wenn Haushalte ihre Routinen anpassen, Hersteller Schutzmaßnahmen verständlich sowie ‚by default‘ gestalten und die Politik verbindliche Standards setzt, werden wir ein akzeptables Maß an digitaler Sicherheit für Privathaushalte schaffen.“

Einen wichtigen Schritt nach vorne hat die EU mit dem Cyber Resilience Act kürzlich gemacht. Diese EU-Verordnung verpflichtet Hersteller zur Umsetzung von Cybersicherheitsmaßnahmen für digitale Produkte, die für den EU-Markt bestimmt sind. Die Verordnung ist bereits beschlossen und erste Verpflichtungen für Hersteller und Importeure gelten ab 11. September 2026. Bis 11. Dezember 2027 müssen alle Anforderungen eingehalten werden.

Von der Analyse zum praktischen Werkzeug

Im Rahmen des Projekts entstand zudem ein Prototyp für eine speziell auf Mehrpersonenhaushalte zugeschnittene Risikoanalyse. Perspektivisch könnte daraus ein interaktives Web- oder App-basiertes Tool entstehen, das Nutzer:innen bei der Einschätzung ihrer individuellen Gefährdungslage unterstützt und konkrete Handlungsempfehlungen liefert.

Die Studienergebnisse sind damit nicht nur ein wissenschaftlicher Beitrag, sondern auch ein Impuls für digitalen Verbraucherschutz, Produktentwicklung und sicherheitspolitische Initiativen. Denn Schwachstellen im privaten Raum wirken längst über den einzelnen Haushalt hinaus – auf die Wirtschaft, die Verwaltung und die Stabilität digitaler Infrastrukturen insgesamt.

Die Studie „IT-Sicherheitsmanagement in Haushalten: Risiken, Problemstellungen, Lösungsansätze (ISiH)” ist ab sofort über die Website des BSI verfügbar. Ergänzende Informationsangebote bieten unter anderem die Basisschutz-Empfehlungen, die Hinweise zur Smarthome-Sicherheit sowie die Orientierungshilfen für Eltern des BSI.


Titelfoto von A65 Design auf Unsplash